Skiinternat Harz: Zwischen Mathe und Massenstart

Seit 1998 besteht das „Skiinternat Harz“ des Niedersächsischen Ski-Verbands (NSV) Clausthal-Zellerfeld. Neun Biathlon-Nachwuchstalente erhalten hier eine ganztägliche Betreuung zwischen Schule und Leistungssport.

Um 6:30 Uhr klingelt der Wecker von Albert Engelmann (Foto). Jetzt heißt es: fertigmachen, frühstücken und pünktlich um 7:50 Uhr in der Schule sitzen. Der amtierende Deutsche Biathlon-Meister der Jugend 16 im Sprint und Gesamtsieger im Deutschland Pokal in seiner Altersklasse ist einer von neun Bewohnerinnen und Bewohnern des Skiinternats Harz. Das Wintersport-Gen hat der 16-Jährige von seiner Mutter geerbt. „Seitdem ich laufen kann, bin ich auch auf Skiern unterwegs. Zunächst als Langläufer und jetzt als Biathlet“, verrät das Nachwuchstalent vom WSV Clausthal-Zellerfeld. Seit etwa zwei Jahren bewohnt er ein Doppelzimmer im Skiinternat.  

Das Internat befindet sich in einem Gebäude des LandesSportBundes Niedersachsen, das ehemals Bildungsstätte der Sportjugend Niedersachsen und heute ein Standort der Akademie des Sports ist. Über die dritte Etage des Gebäudes erstrecken sich über einen langen Flur die Zimmer der Sportlerinnen und Sportler, auf der anderen Seite steht eine gemeinschaftliche Wohnung mit Wohnzimmer und Küche zur Verfügung. Die gesamten Räumlichkeiten wurden 2018 aufwendig saniert. Die Nachwuchstalente des Niedersächsischen Ski-Verbands im Alter von 13 bis 19 Jahren sind auf drei Einzel- und drei Doppelzimmer verteilt. Hinzu kommen bis zu vier Teilzeitschülerinnen und -schüler.
In ihren alltäglichen Belangen werden sie von der Internatsleiterin Stephanie Stoischek und drei Betreuungspersonen, die sich wöchentlich abwechseln, unterstützt. Die Aufgaben reichen vom Kochen in der Mittagspause bis zur Hausaufgabenhilfe am Nachmittag. Hinzu kommen Fahrdienste zur Schule oder zum Training. 

Schule

Für alle Nachwuchsbiathleten sind die weiterführenden Schulen in wenigen Minuten erreichbar. Der Großteil von ihnen geht auf das Robert-Koch-Gymnasium in Clausthal-Zellerfeld am Rande des Ortsteils Clausthal in etwa 600 m Höhe. Seit der Gründung des Internats ist das von Wäldern und Wiesen der Clausthaler Hochflächen umgebene Gymnasium Partnerschule der Einrichtung. Im November 2019 wurde die Schule vom Niedersächsischen Kultusministerium nach 15 Jahren dauerhaft als Partnerschule des Leistungssports zertifiziert. „In Clausthal-Zellerfeld ist das Konzept ideal und es wird professionell gearbeitet“, freute sich NSV-Präsident Walter Lampe nach der erneuten Anerkennung. Für die Teilnahme an Wettkämpfen werden die jungen Biathleten vom Unterricht freigestellt, der verpasste Unterrichtsstoff wird in gesonderten Stunden nachgeholt. Dass dabei die Schule trotz der großen sportlichen Ziele stets über dem Sport steht, ist für beide Einrichtungen selbstverständlich. Die Trainingspläne werden anhand der Stundenpläne erstellt - nicht umgekehrt. Bei der Karriereplanung nach der Schule können die Internatsschülerinnen und -schüler auf die Laufbahnberatung des Olympiastützpunktes Niedersachsen in Hannover zurückgreifen.

Training

An einem herkömmlichen Schultag steigen die jungen Biathleten gegen 16:30 Uhr in einen der beiden Mini-Vans vor dem Internat. Am Steuer sitzt in der Regel jeweils ein Trainer des NSV. Toni Schmidt leitet die Luftgewehr-Gruppe von 12-15 Jahren, Rico Uhlig ist für die Trainingsgruppe im Kleinkaliberschießen ab 16 Jahren zuständig. Trainiert wird abhängig von der Jahreszeit und der Wetterbedingungen zwischen zwei und drei Stunden täglich im Landesleitungszentrum Sonnenberg (Schießstand und Skistrecken) oder im Landesleistungszentrum Zellerfelder Tal (Schießstand und Rollerbahn). Hinzu kommen Trainingseinheiten auf dem Mountainbike, auf Inlineskates oder zu Fuß. „An erster Stelle steht beim Biathlon zunächst die Kondition. Das Schießen kann man mit viel Fleiß erlernen. Aber natürlich braucht man für Spitzenleistungen das nötige Talent“, so Rico Uhlig, der 2019 vom Deutschen Skiverband zum Biathlon-Trainer des Jahres ernannt wurde. Gemeinsam mit Toni Schmidt ist er hauptverantwortlich für die Aufnahme im Skiinternat. Voraussetzung ist die Kader-Mitgliedschaft und eine passende schulische Prognose. Danach bewerten die Trainer das Leistungsvermögen der Bewerberinnen und Bewerber.  

Kooperation mit Sachsen-Anhalt

Ein besonderer Fall ist die 16-jährige Amy Fabienne Dunkel (Foto). Die Biathletin vom WSV Elbingerode ist aufgrund einer Kooperation des NSV mit dem Skiverband Sachsen-Anhalt im Skiinternat Harz untergebracht. Die Biathletin startet zwar weiterhin für ihren Heimatverein in Sachsen-Anhalt, nutzt im Rahmen des Pilot-Projekts aber alle Möglichkeiten, die auch ihre Mitbewohnerinnen und -bewohner haben. „Wir sind zwar auf verschiedene Bundesländer aufgeteilt, aber im Kern sind wir ein Harz“, so die Internatsleiterin Stephanie Stoischek, die sich eine Ausweitung der Partnerschaften zwischen den Verbänden wünscht. Die Kosten für die Unterkunft von Amy Fabienne Dunkel werden vom Skiverband Sachsen-Anhalt anteilig übernommen.
Der Eigenanteil der Sportlerinnen und Sportler für eine Unterbringung im Internat beträgt pro Monat 325 Euro. Hinzu kommen mehrere tausend Euro im Jahr für die Trainingsausrüstung, Lehrgänge und Wettkämpfe (siehe S. 14).
Berühmte ehemalige Internatsschüler sind unter anderem der Olympia-Sieger und sechsfache Sportler des Jahres in Niedersachsen Arnd Peiffer (Teilzeitinternat), der frisch gekürte Junioren-Weltmeister Danilo Riethmüller und der Goldmedaillengewinner beim Europäischen Olympischen Jugendfestival 2019, Hans Köllner.
Ihre Verbundenheit zum Skiinternat Harz zeigen alle drei bei regelmäßigen Besuchen. Natürlich inklusive Tipps für ihre Nachfolgerinnen und Nachfolger in der dritten Etage der Akademie des Sports.

Mehr Informationen

Kontakt

(Der ausführliche Bericht ist in der Ausgabe 04/2020 des LSB Magazins erschienen)