News-Meldung

des LandesSportBundes Niedersachsen

Foto: IMAGO / United Archives

- Historische Aufarbeitung möglicher NS-Belastungen: LSB veröffentlicht Ergebnisse

Untersuchung von 49 ehemaligen Vorstands- und Präsidiumsmitgliedern: Bei 25 Personen wurden Mitgliedschaften in der NSDAP oder ihren Gliederungen festgestellt. Persönliche Belastungen oder individuelle Täterschaften über die Parteimitgliedschaft hinaus konnten nicht festgestellt werden. Präsidium beschließt Konsequenzen für Veröffentlichungen und Ehrungswesen.

 

Der LandesSportBund (LSB) Niedersachsen hat die Ergebnisse seiner Historischen Kommission zur Aufarbeitung möglicher nationalsozialistischer Belastungen ehemaliger Vorstands- und Präsidiumsmitglieder vorgestellt. Im Rahmen einer Pressekonferenz präsentierten Reinhard Rawe, Vorstandsvorsitzender des LSB, gemeinsam mit apl. Prof. Dr. Dr. Bernd Wedemeyer-Kolwe vom Niedersächsischen Institut für Sportgeschichte und Dr. Anton Weise von der Leibniz Universität Hannover die zentralen Erkenntnisse des Abschlussberichts sowie die daraus abgeleiteten Beschlüsse des LSB-Präsidiums.

Den Anstoß für die historische Aufarbeitung gab eine Untersuchung des Sporthistorikers Prof. Dr. Lorenz Peiffer, der im Auftrag des LSB mögliche nationalsozialistische Mitgliedschaften in der NSDAP und ihren Gliederungen von Trägerinnen und Trägern von LSB-Ehrennadeln untersucht hatte. In Reaktion auf diese Ergebnisse beschloss das Präsidium im November 2024 die Einsetzung einer unabhängigen Historischen Kommission. Aufgabe der Kommission war es, mögliche Verbindungen ehemaliger Vorstands- und Präsidiumsmitglieder des LSB zum Nationalsozialismus wissenschaftlich zu untersuchen, die Ergebnisse einzuordnen und Handlungsempfehlungen für den künftigen Umgang zu entwickeln.

49 ehemalige Vorstands- und Präsidiumsmitglieder des LSB überprüft

Die Kommission bestand aus Dr. Anton Weise, Dr. Jens Binner und apl. Prof. Dr. Dr. Bernd Wedemeyer-Kolwe. Für die wissenschaftliche Untersuchung wurden die Historiker Dr. Bernhard Strebel und Anett Schweitzer beauftragt. Grundlage der Recherchen waren insbesondere Unterlagen des Bundesarchivs sowie der niedersächsischen Landesarchive. Überprüft wurden 49 ehemalige Vorstands- und Präsidiumsmitglieder des LSB.

Die Untersuchung kommt zu dem Ergebnis, dass 25 der überprüften Personen Mitglied der NSDAP oder einer ihrer Gliederungen waren. In einzelnen Fällen wurden darüber hinaus Mitgliedschaften in der SA, der SS, der Hitlerjugend oder dem Reichsarbeitsdienst festgestellt.

Die Kommission betont zugleich, dass sich für die untersuchten Personen lediglich formale Mitgliedschaften nachweisen lassen. Persönliche Belastungen oder individuelle Täterschaften über die Parteimitgliedschaft hinaus konnten nicht festgestellt werden. Herausgehobenere Funktionen innerhalb des nationalsozialistischen Herrschaftssystems wurden nur vereinzelt nachgewiesen. Zugleich verweist die Untersuchung darauf, dass zahlreiche spätere LSB-Funktionsträger dem Nationalsozialismus kritisch gegenüberstanden oder aus dem Arbeitersport beziehungsweise dem sozialdemokratischen Umfeld kamen und nach dem Zweiten Weltkrieg am demokratischen Wiederaufbau des Sports beteiligt waren.

Ergänzende wissenschaftliche Untersuchungen zu Willi Greite und Otto Schade

Darüber hinaus befasste sich die Historische Kommission mit den ehemaligen Präsidiumsmitgliedern Willi Greite und Otto Schade. Beide waren nach dem Zweiten Weltkrieg von den britischen Besatzungsbehörden interniert und zunächst als „Eifrige Nazi-Unterstützer“ eingestuft worden. Diese Befunde waren Anlass für ergänzende wissenschaftliche Untersuchungen. Die Recherchen zeigen, dass beide über mehrere Jahre gehobene Funktionen innerhalb der Hitlerjugend innehatten. Die Forschenden kommen zu dem Ergebnis, dass schwerwiegende NS-Belastungen im Sinne handlungsbezogener individueller Täterschaften weder bei Greite noch bei Schade nachweisbar sind. Gleichzeitig machen die Untersuchungen deutlich, dass beide Männer über Jahre hinweg aktiv in nationalsozialistische Organisationen eingebunden waren.

Die Historische Kommission empfiehlt deshalb einen differenzierten Umgang mit den Ergebnissen. Sie spricht sich für Transparenz, die Veröffentlichung der Forschungsergebnisse und eine kritische Einordnung historischer Biografien aus. Zugleich empfiehlt sie, auf eine nachträgliche Aberkennung individueller Ehrungen zu verzichten und bestehende Namensgebungen und Preise kritisch zu überprüfen, wenn dadurch Personen dauerhaft als Vorbilder oder Namensgeber hervorgehoben werden.

LSB-Ehrungsordnung soll überprüft werden

Das Präsidium des LSB hat diese Empfehlungen aufgegriffen und beschlossen, den vollständigen Abschlussbericht der Kommission, die zugrunde liegenden Rechercheergebnisse sowie die Vorarbeiten von Prof. Dr. Lorenz Peiffer zu veröffentlichen. Darüber hinaus soll die LSB-Ehrungsordnung überprüft und dem 51. Landessporttag am 21. November 2026 eine entsprechende Anpassung vorgeschlagen werden.

Zudem empfiehlt der LSB seinen Mitgliedsorganisationen und Gliederungen, bestehende Namensgebungen und Preise im Hinblick auf mögliche historische Belastungen kritisch zu überprüfen. Eine nachträgliche Aberkennung von Ehrungen Verstorbener wird hingegen nicht angestrebt.

„Untersuchungen schaffen Transparenz“

„Die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte gehört zu unserer Verantwortung als organisierter Sport“, erklärt Reinhard Rawe. „Die vorliegenden Untersuchungen schaffen Transparenz über unsere Vergangenheit und geben wissenschaftlich fundierte Antworten auf Fragen, die uns als Verband gestellt wurden. Die Arbeit der Historischen Kommission zeigt, wie wichtig Forschung, Offenheit und eine differenzierte Einordnung historischer Zusammenhänge sind. Die daraus gewonnenen Erkenntnisse werden wir dauerhaft in unsere Verbandsarbeit einfließen lassen.“

Mit der Vorlage des Abschlussberichts erreicht der LSB einen wichtigen Meilenstein in der Aufarbeitung seiner Verbandsgeschichte. Die Ergebnisse und Empfehlungen der Kommission sollen dazu beitragen, das historische Bewusstsein im organisierten Sport zu stärken und die Werte von Demokratie, Vielfalt und gesellschaftlicher Verantwortung auch künftig sichtbar zu verankern.

 

Hinweis zur Veröffentlichung der Ergebnisse der historischen Aufarbeitung des LSB

Im November 2024 beschloss das Präsidium des LandesSportBundes Niedersachsen die Einsetzung einer Historischen Kommission zur Aufarbeitung möglicher nationalsozialistischer Belastungen ehemaliger Vorstands- und Präsidiumsmitglieder des LSB. Die Kommission, bestehend aus den Fachhistorikern Dr. Jens Binner, Dr. Anton Weise und apl. Prof. Dr. Dr. Bernd Wedemeyer-Kolwe, setzte zusätzlich drei Historiker*innen ein, die die in Frage kommenden Personen biografisch untersuchen sollten.

Der Abschlussbericht von Dr. Bernhard Strebel und Anett Schweitzer dokumentiert die Ergebnisse dieser Untersuchung; die daran anschließende Dokumentation enthält die Einzelbiografien der untersuchten LSB-Vorstandsmitglieder. Die Biografien zweier dieser LSB-Vorstandsmitglieder wiesen zusätzliche Verdachtsmomente auf und wurden deshalb gesondert untersucht. Der Abschlussbericht von Dr. Annika Wellmann befasst sich mit diesen beiden Biografien. Der Abschlussbericht der Kommission selbst fasst beide Berichte zusammen, resümiert sie und gibt Handlungsempfehlungen.  

Den Anstoß zum Einsatz der Historischen Kommission zur Aufarbeitung gab ein Projekt des Historikers Prof. Dr. Lorenz Peiffer, der im Auftrag des LSB von 2021 bis 2024 stichprobenhaft die Mitgliedschaften in der NSDAP von Personen überprüft hat, die in der Vergangenheit mit einer LSB-Ehrennadel ausgezeichnet worden waren. Zwischen 1953 und 2003 erhielten etwa 25.000 Funktionsträger und Mitglieder niedersächsischer Sportvereine, Landesfachverbände und Sportbünde eine Ehrennadel. Lorenz Peiffer untersuchte etwa 850 dieser Personen; sein Bericht ist hier beigefügt. Da eine Analyse aller 25.000 Geehrten nicht möglich ist, beschloss das Präsidium des LSB, beispielhaft die ehemaligen Vorstands- und Präsidiumsmitglieder als überregionale zentrale Repräsentanten des LSB auf mögliche NS-Belastungen hin untersuchen zu lassen.

Der LandesSportBund Niedersachsen stellt mit der Veröffentlichung der vorliegenden Berichte und Einzelbiografien die Ergebnisse seiner historischen Aufarbeitung vollständig und transparent der Öffentlichkeit zur Verfügung. Sie dienen der wissenschaftlichen Dokumentation und historischen Einordnung. Die Veröffentlichung erfolgt im Interesse von Transparenz und Nachvollziehbarkeit der Forschungsergebnisse sowie auf Grundlage der Empfehlungen der Historischen Kommission.

Die Forschungsergebnisse beruhen auf den wissenschaftlichen Recherchen der eingesetzten Historiker*innen.

 

Dateien:

Projektarbeit Peiffer Überprüfung von Geehrten

Abschlussbericht Strebel Schweitzer

Abschlussbericht Wellmann zu Greite und Schade

Einzelbiografien

Stellungnahme der Kommission Binner, Wedemeyer-Kolwe, Weise

Beitrag im LSB-Magazin FÜNF 2026

 

LSB-Pressekontakt: 
Marcel Lamers
Tel.: 0511 1268-151
Mail: mlamers(at)lsb-niedersachsen.de